OSX Fotos App – Test aus Sicht eines Aperture Nutzers

iCloud Photo Library

iCloud Photo Library

iPhoto und Aperture wurden bekanntermaßen in die Rente geschickt, durch die neue OSX Fotos App abgelöst. Mittlerweile hat Apple iPhoto und Aperture aus dem App Store entfernt, die beiden Programme können also nicht mehr erworben werden.

Als die neue Foto App am 8.4.2015 im Rahmen des OSX Updates auf Version 10.10.3 veröffentlicht wurde, hatte ich bereits angekündigt, ich würde die Fotos App testen. Nun eine knappe Woche, dem Import meiner gesamten Aperture Library, und hunderte Fotobearbeitungen später, fühle ich mich in der Lage ein Urteil über Apple’s neues Fotoverwaltungs- und Bearbeitungsprogramm zu fällen.

Nun Fotos für OSX ersetzt iPhoto, wie auch Aperture, wobei Apple mit seiner neuen Foto App eher den bisherigen iPhoto Nutzer, als den Aperture Nutzer adressiert.

Dazu kommt eine neue wichtige Komponente, die iCloud Photo Library. Apple’s neues Cloud-Service ermöglicht den Zugriff von Macs, iPads, iPhones, Apple TVs und von iCloud.com auf eine einheitliche Foto Datenbank, die über iCloud synchronisiert wird. Änderungen, die man auf einem Gerät durchführt, sind wenige Augenblicke später auf allen anderen Endgeräten sichtbar. Je nach Systemeinstellungen wird die gesamte Fotothek in voller Auflösung auf ein Endgerät geladen, oder es wird eine für das Endgerät optimierte Version angeboten um Speicherplatz zu sparen. Die iCloud Photo Library unterstützt also intelligente Mechanismen um Endgeräte auf Wunsch vor dem Überfüllen mit Fotos zu schützen.

Die iCloud Photo Library habe ich zwar aktiviert, konnte sie aber noch nicht testen, da der Upload meiner knapp 200GB großen Fotothek noch nicht abgeschlossen ist. Ich will das Feature unbedingt mit meinem gesamten Fotobestand testen, und nicht mit einem Subset, dass den täglichen Gebrauch nicht widerspiegelt. Die Erfahrungen mit der iCloud Photo Library werde ich daher in einem späteren Artikel nachreichen.

Zurück zur neuen Fotos App. Der Import einer iPhoto, oder Aperture Library funktionierte in meinem Fall problemlos, bringt allerdings einige Veränderungen mit sich. Es gibt keine Events (iPhoto) und Projekte (Aperture) mehr. Diese werden in Alben übersetzt. Ordner können weiterhin verwendet werden, auch Smart-Alben werden unterstützt. Wenn ein Smart-Album in Aperture mit Kriterien angelegt wurde, die von OSX Fotos nicht mehr unterstützt werden, dann zeigt es unter Umständen nicht mehr das gewollte Ergebnis. An dieser Stelle ist eventuell Nacharbeit erforderlich.

Die Bewertung der Fotos mit ein bis fünf Sternen wird von der Foto App nicht mehr unterstützt. Beim Import bekommen die betreffenden Fotos statt dessen Schlagwörter. War ein Foto bisher mit drei Sternen bewertet, bekommt es in der Fotos App das Schlagwort “3 Sterne”. Die Information ist also weiterhin vorhanden, allerdings an anderer Stelle. Das granulare 1–5 Sterne Bewertungssystem von iPhoto und Aperture musste in der neuen Foto App einem binären weichen. Es ist nur mehr vorgesehen, dass man Fotos favorisiert, diese Fotos werden mit einem Herz gekennzeichnet. Wem das zu wenig granular ist, der kann den Umweg über die besagten Schlagwörter nehmen. Die Markierung von Fotos , also die Flag Funktion, gibt es auch nicht mehr in dieser Form. In Aperture markierte Fotos enthalten ebenfalls ein entsprechendes Schlagwort, sind also weiterhin über diesen Weg identifizierbar. Genau genommen ist das neue Favoriten-Feature der Foto App der legitime Nachfolger des Aperture Flag Features.

Die GPS Metadaten werden korrekt in die Fotos App übernommen. Das gilt für alle Metadaten, die nicht händisch angelegt wurden, wie es in Aperture möglich war.

Was fehlt

  • Nun neben der bereits erwähnten Sterne zur Bewertung, und der Foto-Auswahl (Flag), fehlt die Möglichkeit die GPS Informationen in den Metadaten händisch hinzuzufügen, bzw. zu editieren.
  • Zur Zeit können weder externe Editoren noch Plugins in die OSX Foto App eingebunden werden. Will man Fotos mit externen Editoren bearbeiten, dann müssen sie vorher aus der OSX Fotos App exportiert werden.
  • Die Bearbeitungsfunktionen sind Aperture definitiv unterlegen, wenngleich es bessere Bearbeitungsmöglichkeiten als in iPhoto gibt.
    • Tonwerte können verändert werden, es gibt allerdings keine vernünftigen Tonwertkurven.
    • Retuschieren nur in Basisfunktion vorhanden.
    • Klon-Stempel vorhanden, das praktische Feature, dass man beim Stempeln den Quellinhalt sieht, ist allerdings unter den Tisch gefallen.
    • Anpassungen können nur auf das gesamte Bild, und nicht wie in Aperture mit dem Pinsel auf bestimmte Bildbereiche aufgetragen werden.
    • Bearbeitungen eines Fotos können auf weitere Fotos übertragen werden, allerdings nicht selektiv. Das heißt man kann vor der Übertragung von Anpassungen keine Kriterien entfernen. Man kann Bearbeitungen auch immer nur auf ein Foto kopieren, und nicht mehrere gleichzeitig.
  • Es fehlt die Stapelverarbeitung, d.h. man kann zum Beispiel nicht mehr die Metadaten von mehreren Fotos gleichzeitig ändern.
  • Es fehlen Importeinstellungen, zum Beispiel können nicht allen Fotos beim Import ein gleicher Titel mit fortlaufender Nummer verpasst werden, usw.

Wieso bin ich dennoch auf die neue Fotos App umgestiegen?

Ich als Aperture Nutzer und Foto Enthusiast, wie man so schön Neudeutsch sagt, hatte für mich im Vorfeld drei potentiell sinnvolle Migrationsszenarien identifiziert. Das wären Adobe’s Lightroom, Capture One Pro 8 und eben die neue OSX Foto App von Apple.

Entschieden habe ich mich letztendlich für Apple’s neue Fotos App, wenngleich ich auf einige Features (derzeit noch) verzichten muss.

Seitdem ich iPhone und iPad besitze bin ich hochgradig mit deren Einbindungsmöglichkeit in meinem Foto Workflow unzufrieden. Bis jetzt hatte ich lauter Inseln, die nicht unter einen Hut zu bringen waren. Zur Verwaltung der Fotos diente Aperture am Mac, und die Fotos App auf den iOS Devices. Dann kugelten noch, aufgrund des iOS Sandbox Systems, zusammenhanglose Fotos in diversen iOS Apps herum, teilweise mit Kopien wiederum in der iOS Fotos App.

Ich bin mit der Situation bisher so umgegangen, dass ich alle Fotos meiner Kameras, meine primäre ist derzeit eine Olympus OMD E-M10, in Aperture importiert, dort verwaltet und bearbeitet habe. Gerne verwendete ich zur Bearbeitung zusätzlich die großartige NIK Software Collection und externe Editoren, wie z.B. Pixelmator. Wenn ich Fotos vom iPhone einbinden wollte, dann habe ich die Fotos aus dem iCloud Photostream in die entsprechenden Aperture Projekte gezogen, oder ich habe sie mit PhotoSync übertragen. Die Verwaltung von Fotos auf den iOS Devices habe ich relativ schnell links liegen gelassen, für mich war da keine Struktur rein zu bekommen. Ich habe zwar ein Camera Connection Kit um Fotos, die ich mit der Kamera geschossen habe, aufs iPad zu übertragen, aber wirklich verwenden tue ich es kaum, außer um mal vereinzelt Photos online zu stellen, wenn ich keinen Rechner dabei habe. Wozu Fotos aufs iPad übertragen, wenn sie dort nicht sinnvoll weiter verarbeitet werden können? Die Fotobearbeitung am iPad erzeugt Duplikate in verschiedenen Apps. Mit ein paar Fotos kann man das schon machen, importiert man allerdings hunderte, verliert man schnell den Überblick. Am Ende des Tages stand ich dann erst wieder vor der Situation, dass ich die Fotos vom iPad nach Aperture übertragen hatte. Der Zwischenschritt über das iPad brachte mir bisher keinen Mehrwert, eher Unordnung.

Die iCloud Photo Library schafft das Versprechen diesen Zustand, im wahrsten Sinne des Wortes, zu beheben. Aus getrennten Photo Libraries wird ein synchronisierter Zustand auf Mac, iPhone und iPad. Um einen Anwendungsfall zu skizzieren, nehmen wir mal das Beispiel Urlaub her.

Ich schieße Fotos mit dem iPhone und meiner Olympus OMD. Am Abend importiere ich die Fotos der OMD entweder Wireless, oder, wenn es schneller gehen soll, mit dem Camera Connection Kit aufs iPad. Während dessen werden die iPhone Fotos automatisch über die iCloud Library aufs iPad synchronisiert. Ich habe alle Fotos des Tages beieinander, kann die Fotos in Alben organisieren, eine Vorauswahl treffen, manche Fotos bearbeiten. Momente, die ich teilen will, veröffentliche ich direkt über die iCloud-Fotofreigabe. Komme ich aus dem Urlaub zurück, setze ich mich vor den Mac und findet die Änderungen, die ich im Urlaub am iPad durchgeführt hatte, in der OSX Fotos App vor. Ich kann direkt dort fortsetzen, wo ich mit dem iPad aufgehört hatte. Wenn die iCloud Photo Library tatsächlich funktioniert, wie versprochen, dann stellt das für mich einen gewaltigen Mehrwert dar.

Die OSX Fotos App ist in fast jeder Hinsicht besser als iPhoto, und allen iPhoto Nutzern kann ich fast uneingeschränkt raten umzusteigen. Als Aperture Nutzer verliert man zweifellos einige Pro Features. Andererseits bekommt man mit dem neuen OSX Fotos ein Programm, das bei gleicher Fotomenge in der Library schneller zu Werke geht als Aperture, ein moderneres User Interface hat, dass sich perfekt in das Design von OSX Yosemite eingliedert. Das User-Interface ist extrem aufgeräumt und auf Rechnern mit kleinen Bildschirmen übersichtlicher und besser zu bedienen als Aperture. Seitens Verwaltung der Fotos kann ich gut mit den Veränderungen leben. Ein paar kleine Umstellungen, und ich habe meine Fotos genauso übersichtlich organisiert wie in Aperture. Dahingehend geht mir nichts ab. Die Suchmaschine finde ich wesentlich schneller und leistungsfähiger, meiner Ansicht nach ein Punkt auf der Habenseite der neuen Fotos App.

Fotos App EinstellungenWas das ganze Handling betrifft hat Apple die App sehr schlank gestaltet. Jede Funktion ist nur einen Keyboard-Shortcut entfernt. Was die Fotobearbeitung angeht sind für mich rund 80–90% meiner Bedürfnisse abgedeckt. Die Bearbeitungen, die mit der Fotos App machbar sind, bekomme ich schneller hin als mit Aperture, das liegt daran, dass die App aufgeräumter ist, besser performt.

Die Reduktion geht so weit, dass in den default Einstellungen der Bearbeitungen nur drei Anpassungen vorhanden sind, Licht, Farbe und Schwarzweiß. Verändert man eine der drei Anpassungen werden automatisch im Hintergrund diverse Regler gedreht. Für Anfänger, die mit der Bildbearbeitung nicht vertraut sind, eine tolle Sache, unter den drei Kriterien kann sich jeder etwas vorstellen. Profis klappen die Anpassungen aus, und bekommen Zugriff auf die Regler im Hintergrund.

Hinzufügen lassen sich zusätzlich die Anpassungen:

  • Histogramm
  • Weißabgleich
  • Tonwerte
  • Vignette
  • Scharfzeichnen
  • Auflösung
  • Störungen reduzieren

Die Fotos App ist eine Version 1.0, und das merkt man. Gelegentlich stürzt sie ab, ein paar Features laufen noch nicht ganz rund. Die Basis ist allerdings gelegt, und die finde ich sehr gut. Mein Umstieg sind Vorschußlorbeeren für Apple. Noch ist Aperture das bessere Produkt. Ich kann allerdings das Potential von der OSX Fotos App erkennen. Die grundsätzliche Ausrichtung passt. Ich denke, dass die Fotos App mehr ist als eine App. Es ist ein Framework, an das sich andere Entwickler andocken werden können.

Apple wird schnell nachbessern, auch seitens Feature Erweiterung. Ich gehe fix davon aus, dass die Einbindung von externen Editoren und Plugins mit einer der nächsten Updates kommen wird. Entweder wird Apple das Feature zurück bringen, dass GPS Metadaten bearbeitet werden können, oder es kommt ein geeignetes Plugin eines Drittentwicklers.

Ist man professioneller Fotograf, der damit sein Geld verdient, dann würde ich noch die Hände von der OSX Fotos App lassen. Wenn man allerdings Interesse an neuen Ansätzen hat, mit einer 80–90% Lösung leben kann, dann lohnt sich ein Blick. Aperture hört nach der Migration auf Fotos nicht auf zu funktionieren. Aperture kann parallel verwendet werden. Änderungen an Aufnahmen in Aperture, die nach der Migration durchgeführt werden, werden nicht in die Fotos App übernommen, und vice versa.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die ausführlichen Infos. Ich schlage mich auch gerade mit dem Problem herum, wieder Ordnung in meine mit unzähligen Duplikaten verseuchte Fotosammlung zu bringen. Ich würde auch sofort auf die neue Fotos-App umsteigen. Die Bearbeitungsmöglichkeiten reichen mir in 98 Prozent aller Fälle völlig aus. Es gibt für mich nur noch zwei Probleme: 1. Ich traue der Verlagerung aller meiner Fotos ins Web nicht so recht über den Weg. Und bei einer mehreren Gigabyte großen Mediathek kostet das ja auch ein paar Euro. 2. Der Hauptknackpunkt für mich ist die bisher ja völlig fehlende Möglichkeit, die Metadaten mehrerer Fotos zu bearbeiten. Jedem Foto einzeln Titel und Infos zuzuweisen, nervt einfach.

    • @1) Vertrauen ist definitiv Voraussetzung ein derartiges Service zu nutzen. Was sind deine Bedenken? Das du ausspioniert wirst, oder das der Anbieter deine Bilder „verliert“? Die iCLoud Fotomediathek kostet natürlich einiges, aber man bekommt doch einen gehörigen Mehrwert dafür. Letztendlich reduziert es sich auf ein persönliches Abwegen der für und wider. In meinem Fall haben die positiven Aspekte überwogen, und ich bin sehr zufrieden mit der iCloud Fotomediathek (von iCloud Drive kann ich das nicht gerade behaupten).
      @2) Diese Punkte werden mit OSX El Capitan adressiert. Im Herbst wird OSX 10.11 El Capitan veröffentlicht.

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