Drei Monate ohne iPad

In den letzten Tagen habe ich einen Artikel von Fraser Spiers gelesen, betitelt mit All-In on iPad Pro. Er beschreibt in diesem Artikel, wie er sein Macbook Pro verkauft und komplett auf das iPad Pro wechselt.

Den Artikel möchte ich als Anlass nehmen den genau konträren Standpunkt zu beschreiben. Ich habe am 30.September 2015 mein iPad Air Wifi/Cellular mit 128GB Speicher verkauft, mir als Ersatz dafür ein günstiges gebrauchtes Macbook Air 11″ (Early 2014) mit 4GB Hauptspeicher und 256GB SSD besorgt. Als begleitende Maßnahme bin ich von einem iPhone 6 auf ein iPhone 6s Plus mit größerem 5,5″ Display umgestiegen.

Menschen in meiner Umgebung waren etwas verplüfft über diesen Schritt. Ich und mein iPad, waren wie Michael Knight und K.I.T.T, eine Verbindung, die einfach zusammen gehört. Ich hatte mir das iPad der ersten Generation am Tag eins gekauft, und war bis zum iPad Air permanenter iPad User. Ich hatte mein iPad fast immer dabei und es auch sehr intensiv benützt.

Warum also dieser, von außen unlogisch erscheinender, Schritt? Ich konnte doch (fast) alles mit dem iPad machen. Nun der Weg ist das Ziel, und der Weg war mit dem iPad oft eine holprige Angelegenheit.

Ich würde mich als Nerd bezeichnen. Wenn ich ein Gerät in die Hände bekomme, dann versuche ich es bis zum letzten auszureizen. Eine Zeit lang empfand ich es als Sport immer neue Lösungen zu finden, um die Limitierungen von iOS zu umschiffen, denn ich wollte das iPad als vollwertigen mobilen Rechner einsetzen. Statt das iPad als das zu akzeptieren, für was es viele halten – die praktische Medienkonsumationsmaschine – habe ich immer mehr im iPad gesehen. Vielleicht war das mein Fehler. Nun Steve Jobs hat mir das iPad als die Zukunft des Computings verkauft, dann muss da doch noch mehr sein.

Wenngleich ich für einige Tasks ganz smarte Lösungen gefunden hatte, war es über die Jahre eine doch zunehmend frustrierende Erfahrung. Viele meiner Workflows waren von Dropbox abhängig, lange Zeit das einzige Cloud-Storage-Service mit vernünftiger App Schnittstelle. Grundsätzlich ist der Umgang mit Dateien einer der großen Themen, die es unter iOS weiter zu verbessern gilt. Die Inter-App Kommunikation, bzw. das Multitasking, wengleich mit iOS 9 besser geworden, ist noch immer ein äußerst limitierender Faktor.

Ich habe auch regelmäßig mit dem iPad gebloggt. Ich habe dafür mehrere Apps parallel verwendet, die abwechselnd mehr, oder weniger kaputt waren. Dauerhaft richtig gut war keine einzige Lösung, am besten noch die offizielle WordPress App.

Ich fotografiere gerne, derzeit mehrheitlich mit einer Olympus OMD E-M10. Ich verwalte meine Fotos mittlerweile mit der iCloud Foto-Mediathek. Als die iCloud Foto-Mediathek angekündigt wurde, hatte ich mir, einmal mehr, viel bezüglich Fotoverwaltung und -bearbeitung am iPad erwartet. Während der Sync zwischen iPhone, iPad und Mac ganz hervorragend funktioniert, sieht es mit den Bearbeitungs- und Verwaltungsmöglichkeiten unter iOS nicht so toll aus. Aber auch abseits Apple’s Fotos App gibt es nicht einen funktionierenden Workflow um seine RAW-Fotos befriedigend am iPad zu organisieren und ganzheitlich zu bearbeiten, wie auch PhotoApps.Expert festgestellt hat.

Die iOS Fotos App hat nicht annähernd Feature-Parität mit dem Mac. Am Mac lässt sich auch wesentlich effektiver mit der App arbeiten, als am iPad. Das ist um so überraschender, da sich die Fotos App am Mac eng am iOS Vorbild orientiert. Was soll man daraus schließen? Ist Apple nicht im Stande unter iOS die gleichen Features wie am Mac zu realisieren? Wieso schafft es selbst Apple nicht die Bedienung der App annähernd so stringent wie am Mac zu gestalten? Ich finde, dass die Fotos-App eines der besten Beispiele ist, um die User Interface Limitierungen am iPad zu veranschaulichen.

Ich könnte noch einige Abläufe nennen, die zwar am iPad machbar sind, aber eben umständlicher als am Mac. Letztendlich hatte ich im Sommer keine Lust mehr auf Workarounds und wagte ein Experiment. Wenngleich für den Medienkonsum von mir gerne verwendet, verkaufte ich mein iPad Air. Ich war einfach neugierig, ob ich es denn überhaupt vermissen würde, und in welchen Situationen. Können meine anderen Geräte die Lücke füllen, die durch den Verkauf meines iPads entstanden ist?

Die Erfahrungen der (ersten) drei Monate ohne iPad

Was meinen Anforderungskatalog ans produktive Computing betrifft, hat das Macbook Air 11 Zoll das iPad Air locker an die Wand gespielt. Es gab in den drei Monaten nicht eine einzige Tätigkeit, die ich am iPad hätte besser, oder schneller, erledigen können.

Es gibt aber definitiv Situation, in welchen ich das iPad vermisse. Das hat primär mit der Körperhaltung zu tun. Ein Notebook lässt sich am Besten bedienen, wenn es auf einem Tisch steht. Alternativ bedient es sich auch gut, wenn man bequem sitzt und das Notebook auf seine Oberschenkel plaziert.

Die iPad Paradedisziplin – Medienkonsum

Ich konsumiere die News gerne bequem liegend auf der Couch. In dieser Köperhaltung sieht man mit dem Macbook ganz schön alt aus, richtig bequem ist das nicht. Das kann ein Tablet besser. Stehend, mit der Gerät in der Hand, ist man mit dem Tablet auch besser versorgt.

Ich verwende für den Videokonsum primär Netflix und Amazon Prime Video. Beide Services werden am Mac mittels Webbrowser angeboten. Die iOS Apps der beiden Anbieter finde ich an dieser Stelle angenehmer. Während Netflix das Streaming am Mac gänzlich ohne Plugin mit HTML5 elegant realisiert, setzt Amazon bei Prime Video auf Microsofts Silverlight Plugin. Amazon Prime Video saugt dadurch wesentlich mehr am Akku des Macbook Air. Am Mac können in Amazon Prime Video keine Filme und Serienepisoden herunter geladen werden, ein Feature, dass in der iOS App zur verfügung steht. Auf der Habenseite hat das Macbbook Air das 11″ Display im 16:9 Format, dass zum Videoschauen wesentlich besser geeignet ist.

Für iOS werden viele großartige Spiele angeboten. Viele der iPad Titel sind auch für das iPhone verfügbar, bzw. stehen als Universal App für beide iOS Plattfomen zur Verfügung. Für den Mac werden weniger, in der Regel komplexere Spiele angeboten. Zum Teil kommt es auch zu Überschneidungen bei den Titeln. Ich finde, dass es sich sowohl am iPad, wie am Mac, prima spielen lässt, zumindest wenn man kein Hardcore Zocker ist. Was unter iOS der App Store, ist für den Mac Steam. Wie schon beim News Konsum gilt, mit dem iPad lässt es sich prima knotzend auf der Couch, oder liegend im Bett spielen, da muss der Mac passen.

Inwieweit kann das iPhone 6s Plus die Lücke schließen?

Wie bereits einleitend geschrieben, habe ich mein iPhone 6 durch ein iPhone 6s Plus, in der Hoffnung damit die gewohnten iPad Tasks machen zu können, ersetzt. Diese Hoffnung wurde, was die Konsumation betrifft, weitgehend erfüllt. Die News lesen sich auf einem iPad mit noch größerem Bildschirm zwar ein bisschen angenehmer, aber die Einbußen sind zu verkraften. Ist ja nicht so, dass ich News konsumierend Stunden in der waagrechten verbringe.

Der iPhone 6s Plus Bildschirm ist mit 5,5 Zoll Größe zwar merklich kleiner als jener des iPad Air, zum Teil wird dieser Nachteil aber vom, für das Betrachten von Videos, idealem 16:9 Bildschirmseitenverhältnis wieder wettgemacht. Am iPhone lassen sich prima Videos ansehen, am iPad hat man allerdings, aufgrund des größeren Bildschirmes, ein etwas besseres Erlebnis.

Was Spiele angeht, gibt es gewisse Titel, bzw. Genres, die sich am iPad wesentlich besser spielen, zum Beispiel Taktikspiele, Strategiespiele und Brettspiele.

Beim Schaffen von Inhalten gibt es am iPhone keine softwareseitigen Nachteile im Vergleich zum iPad, aber auch hier profitiert das iPad vom größeren Bildschirm. Inhalte zu schaffen finde ich auf beiden Geräten nicht wirklich befriedigend, wenngleich auch hier das iPad vorne liegt.

Fazit

Für meine produktiven Bedürfnisse ist der Mac wesentlich besser geeignet als das iPad, und ich habe wirklich viel Zeit hineingesteckt um meine dahingehenden Anforderungen mit dem iPad zu erfüllen. Die Wahl des Macbook Air 11″ war eine bewußt gewählte, sehr günstige Übergangslösung, um Erfahrung zu sammeln. Mittelfristig möchte ich einen ultraportablen Mac mit Retina Bildschirm. Das neue Macbook wollte ich mir in der ersten Generation nicht kaufen, beim Aufguß 2016 könnte ich schwach werden, oder eventuell kommen doch noch neue Macbook Airs mit Retina Bildschirm, möglich wäre es.

Der Griff zum größeren iPhone 6s Plus war definitiv die richtige Wahl. In vielen Anwendungsfällen profitiert man von dem größeren 5,5 Zoll Bildschirm, und das beste, man hat ihn immer griffbereit dabei. Die großartige Akkulaufzeit,  3D Touch und der extrem an Geschwindigkeit zugelegte Touch ID Sensor runden den positiven Eindruck zusätzlich ab. Ein wahrlich großartiges Smartphone, das in den meisten Fällen mein iPad Air ersetzen kann.

Das iPad Air vermisse ich interessanterweise primär für Spiele, mit Einschränkungen für den Videokonsum.

Was die Konsumation von News betrifft, kann das iPhone 6S Plus mein iPad Air komplett ersetzen, beim Spielen mit Einschränkungen. Ich spiele allerdings nicht sehr viel, und deshalb ist das für mich kein großes Problem. Will ich mal ein umfangreiches Strategiespiel spielen, dann mache ich das jetzt eben auf dem Mac. Videos schaue ich fast ausschließlich am Macbook Air. Der 11 Zoll Bildschirm im 16:9 Format ist zum Videoschauen besser geeignet als der 9,7 Zoll Bildschirm im 4:3 Format des iPad Air. Amazon Prime Video mit Download Möglichkeit für den Mac wäre noch sehr schön.

Wie geht es weiter?

Ich bleibe meinem eingeschlagenen Weg treu, großes iPhone mit 5,5 Zoll Bildschirm und kleiner ultraportabler Mac für meine mobilen Bedürfnisse. Ich verfolge weiterhin sehr interessiert die Entwicklung des iPads, oder eigentlich primär von iOS für das iPad. Sollte iOS für das iPad in eine für mich interessante Richtung maßgeblich voran kommen, dann schließe ich nicht aus mir wieder eines zuzulegen. Momentan stellt das iPad für mich zu wenig Mehrwert dar.

Von Apple ursprünglich positioniert zwischen iPhone und Mac, wurde es damit gerechtfertig, manche Dinge eklatant besser zu machen als die beiden Gerätegattungen iPhone und Mac. Seit Launch des iPads der ersten Generation wuchsen die iPhone Bildschirme von 3,5 Zoll auf bis zu 5,5 Zoll an. Die mobilen Macs wurden kleiner und leichter, bekamen ausnahmslos SSDs, und eine Akkulaufzeit, die auf Augenhöhe der iPads ist. Viele der ursprünglichen Vorteile des iPads wurden von den einrahmenden Geräten aufgehoben. Die iPad Verkäufe gehen seit mehreren Quartalen zurück, und das ist meiner Meinung nach primär diesem Umstand geschuldet – Der Mehrwert sinkt, und für viele Menschen kann das iPad eben nicht vollwertig die Aufgaben eines mobilen Macs, oder auch Windows Notebooks, übernehmen.

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